Gesundheitspolitik: Von wegen Wertschätzung

Gesundheitspolitik: Von wegen Wertschätzung

Artikel aus Junge Welt vom 15. Dezember 2020: Pflegekräfte werden im »marktwirtschaftlichen System« nicht selten selbst zum Opfer der Pandemie

Von Steve Hollasky

In einer Videobotschaft an den Deutschen Krankenhaustag versicherte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im November, er werde Maßnahmen zur Entlastung der Kliniken ergreifen. Glaubt man diesen Darstellungen, dürfte in den Kliniken alles in Butter sein: Finanziell wären sie entlastet und das Pflegepersonal mit allem Nötigen ausgestattet. Pflegende erleben das offenbar anders.

Im Hamburger Asklepios-Klinikum fehle es an geeigneter Schutzausrüstung, wie eine Pflegekraft, die ihren Namen aus Furcht vor möglichen Konsequenzen am Arbeitsplatz nicht nennen wollte, im jW-Gespräch am vergangenen Freitag berichtete. So seien zwar inzwischen Masken vom Typ FFP-2 verfügbar, nur seien diese »nicht für medizinische Zwecke vorgesehen«. Die Masken würden lediglich vor Hausstaub und Pollen schützen, jedoch nicht vor Aerosolen. Die dem Personal ausgehändigten Schutzkittel seien »viel zu dünn« und nicht zum Schutz vor Flüssigkeiten geeignet. »Mit einer solch mangelhaften Ausrüstung«, stellte die Pflegekraft fest, schicke man »die Kolleginnen und Kollegen auf die Covid-Stationen«.

Nicht zuletzt die unangemessene Schutzausrüstung dürfte die Infektionszahlen beim Pflegepersonal in die Höhe getrieben haben. Spahn hatte auf dem Deutschen Pflegetag unlängst angekündigt, der Personalmangel könne es nötig machen, Pflegekräfte zukünftig infiziert auf Covid-Stationen einzusetzen. Der Gesundheitsminister hatte für diese Äußerung harte Kritik einstecken müssen.

Helga Schmid vom Dachauer »Bündnis gegen Privatisierung und für mehr Personal im Krankenhaus« sagte am Donnerstag voriger Woche gegenüber jW, dass am zum Helios-Konzern gehörenden Amper-Klinikum Beschäftigte angehalten würden zu arbeiten, wenn sie positiv auf das Coronavirus getestet wurden, aber symptomfrei seien. Noch bis vor einer Woche seien auch verschiebbare Operationen durchgeführt worden, um weiter Profit zu machen, so Schmid. Coronapatienten seien hingegen mitunter abgelehnt und nach München verlegt worden.

Während der Personalmangel inzwischen derart akut ist, dass ein von der Arbeiterwohlfahrt betriebenes Pflegeheim in Suhl um ehrenamtliche Hilfe bitten will, wie der MDR am vergangenen Freitag meldete, wird andernorts Personal ausgedünnt. So berichteten Pflegekräfte des Klinikums Bremen-Mitte jW, dass die Klinikleitung Aufträge an Zeitarbeitsunternehmen storniere. In einem Fall, so die Schilderung, sei die Pflegekraft einer Zeitarbeitsfirma bereits umgezogen gewesen, als sie »von einer Minute auf die andere« die Nachricht erhalten habe, dass sie nicht weiter gebraucht würde. Übrig blieben zwei Pflegekräfte für 42 Patienten. Auf diese Weise wolle die Klinikleitung Geld sparen, bestehe derweil aber auf der weiteren Aufnahme von Patientinnen und Patienten.

Die Coronakrise zeige »mit voller Härte« die Probleme unseres Gesundheitswesens, sagte Jonas Leuwer vom Dresdner »Bündnis für Pflege« am vergangenen Donnerstag im jW-Gespräch. Zusammen mit anderen hat der Kranken- und Gesundheitspfleger im November eine Petition gegen die drohende Streichung von mehr als 100 Betten im städtischen Klinikum Dresden eingereicht, die inzwischen mehr als 4.000mal unterzeichnet wurde. Die Coronaversorgung sei einfach »nicht lukrativ«, daher würden sich »insbesondere private Klinikbetreiber« nicht an ihr beteiligen wollen, so Leuwer. Die »unsichtbare Hand des Marktes« habe im Gesundheitswesen versagt.

Von der Gewerkschaft Verdi wünschen sich die Pflegekräfte mehr Initiative und Unterstützung, wie die Kollegen aus Hamburg, Ulm, Dachau, Dresden, Nürnberg und Berlin berichten. Sie haben sich daher inzwischen vernetzt. Von Verdi verlangt der Kreis die Einberufung einer bundesweiten Aktivenkonferenz, um eine Kampagne für mehr Personal und ein öffentliches, bedarfsgerechtes Gesundheitswesen zu organisieren.

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