Nicht ohne Systemkritik

Nicht ohne Systemkritik

Aus der Beilage der Junge Welt Bildung und Ausbildung, vom 28.10.2020 Junge Gewerkschafter

Gewerkschaftsjugend in der Zwickmühle: Engagement für Tagesforderungen und gegen das große Ganze des kapitalistischen Systems
Von Steve Hollasky 

Gewerkschaften seien »Schulen des Klassenkampfes« heißt es oft in der Linken. In der Auseinandersetzung um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne lernen Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Stärke kennen.

Gerade Jugendliche spielen hierbei eine besondere Rolle, sind sie doch »frei von aller Verantwortung für die Vergangenheit«, wie der russische Revolutionär Leo Trotzki 1938 im mexikanischen Exil schrieb. Bezüglich der aktuellen Gewerkschaftsbewegung heißt dies auch, dass Jugendliche die zahlreichen Niederlagen und auch Kapitulationen durch die Gewerkschaftsführung nicht erlebt und nicht zu verantworten haben. Ebenso wenig wie Komanagement und tarifpolitische Zurückhaltung.

Die Bedeutung gewerkschaftlicher Kämpfe für Jugendliche unterstrich im jW-Gespräch auch Ken Ossadnik. »Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen« kämen nicht »durch die Gutmütigkeit der Arbeitgeber« zustande, stellte das Mitglied im Bezirksjugendausschuss Westfalen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) fest. Verbesserungen seien immer das Ergebnis »gemeinsamer Kämpfe und der Solidarität der Kolleginnen und Kollegen«. Gewerkschaftliche Aktivitäten würden die Jugendlichen diese grundlegende Einsicht lehren.

Doch sei das Organisieren junger Leute für seine Gewerkschaft auch »rein aus personellen Gründen« unverzichtbar. Viele Aktive seien inzwischen in die Jahre gekommen, so Ossadnik. Diese »Überalterung« von Verdi treibt auch Tom Ott um. Der Dresdner Verdi-Jugendsekretär berichtete gegenüber jW nicht ohne Stolz vom dezentralen Jugendstreiktag am 13. Oktober. Den hatte Verdi in der Tarifrunde im öffentlichen Dienst ausgerufen. Gut 3.000 Jugendliche aus acht Fachbereichen hatten bundesweit daran teilgenommen.

Auch in Dortmund war die Beteiligung laut Ossadnik enorm. Beschäftigte aus der Stadtverwaltung, den Kliniken, den Verkehrsbetrieben und des kommunalen Energieversorgers hätten sich an den Arbeitskampfmaßnahmen beteiligt. Man hatte Druck für die Forderung nach einer Aufstockung der Entgelte der Auszubildenden, Studierenden und Praktikanten um 100 Euro machen wollen, so Ott.

Geld, das die Gegenseite nicht in gewünschtem Umfang lockermachen wollte. Und das, obwohl die Forderungen der Gewerkschaften in der gerade zu Ende gegangenen Tarifrunde eher bescheiden ausfielen, die Ergebnisse indes noch mehr. Noch vor einem halben Jahr waren die Beschäftigten im Pflege- und Gesundheitssektor als »systemrelevant« gelobt worden. Nun sollten sie schon für einen Arbeitsvertrag im öffentlichen Dienst dankbar sein. Gerade Azubis decken wegen des Personalmangels große Teile der anfallenden Arbeit in Kliniken und Pflegeheimen ab.

Die Lage von Jugendlichen in der Coronakrise schilderte Ossadnik denn auch in dramatischen Worten. »Die Übernahme im Betrieb nach der Ausbildung ist vielerorts gefährdet.« Selbst »abgeschlossene Ausbildungsverträge« würden inzwischen vor Beginn der Lehre gekündigt. Die weitere »Prekarisierung« von Ausbildungsverhältnissen stehe zu befürchten, so Ossadnik. Doch gerade jugendlichen Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern scheint es inzwischen um weit mehr zu gehen als um die unmittelbaren Fragen nach Arbeit und Ausbildung. »Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, Faschismus und die Zerstörung unseres Planeten«, so berichtete Ott, seien Probleme, angesichts derer Jugendgewerkschafter »nicht tatenlos zuschauen« wollen.

Die »Trennung zwischen dem politischen und dem ökonomischen Kampf« sei »künstlich«, hatte Rosa Luxemburg schon 1905 geschrieben. Vielen Jugendlichen, die sich gewerkschaftlich organisieren wollen, scheint dies schon vom Gefühl her klar zu sein. Ebenso wie ihr tägliches Erleben der kapitalistischen Gesellschaft ihre Bereitschaft weckt, diese in Frage zu stellen. Gewerkschaft sei »ohne Systemkritik« schlicht nicht zu denken, betonte Ott. Schließlich existierten diese Organisationen gerade auch deshalb, weil »Menschen spüren, wie eng die Schlinge des Neoliberalismus um ihren Hals« liege. Auch Ossadnik kann sich Gewerkschaftsarbeit ohne antikapitalistische Positionen nur schwer vorstellen, wie er dieser Zeitung zu Protokoll gab. Luxemburg hatte einmal festgehalten, dass es nicht der »Schein der Neutralität« sei, der Gewerkschaften für arbeitende Menschen aller Altersstufen anziehend mache, sondern vielmehr eine definierte sozialistische Position.

Jugendliche fühlen sich von Gewerkschaften angesprochen, wenn diese grundlegende Fragen stellen, das gilt für Christa Hourani als ausgemacht. Die Specherin der »Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften« (VKG) bezweifelt jedoch, dass die Führungen der DGB-Einzelgewerkschaften einen antikapitalistischen Kurs begrüßen würden. Um diese Positionen innerhalb des DGB zu verankern, müssten sich »linke Aktivisten« vernetzen. Gerade weil die Gefahr bestehe, dass die »Krisenlasten auf den Rücken der Jugend« abgewälzt werden, gehörten Fragen danach, wer über den »gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtum« bestimme, auf die Tagesordnung, so Hourani. Ebenso wie die Forderung nach »öffentlichem Eigentum unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die Beschäftigten«. Gewerkschaftliche Jugendpolitik müsse bereit sein, »sich mit dem Kapital anzulegen«, erklärte die IG Metallerin weiter. Fürwahr ein tagtäglicher »Kleinkrieg.«

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